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Wir veröffentlichen Auszüge aus einer Arbeit von Herrn Dr. med. Albrecht Ulmer, HIV-Schwerpunktpraxis, Stuttgart (eMail: Dr-A.Ulmer@gmx.de), die unter dem Namen „Niedrig dosiertes Prednisolon und viel weniger Angewiesenheit auf HAART – ein anderer Therapieansatz“ bei den Münchner AIDS-Tagen 2004 vorgestellt und in Jäger, AIDS- und HIV-Infektionen – 43. Erg. Lfg. 3/04 veröffentlicht wurde (Prednisolon steht dabei für Cortison, HAART für die Kombinationstherapie bzw. die „Highly active antiretroviral therapy“, die „hochwirksame antiretrovirale Therapie“):
Auf manchen Kongressen findet sich unter der Rubrik „Therapie der HIV-Infektion“ nur noch „Antiretrovirale Therapie.“ Die Erfolge dieses Ansatzes sind unstrittig. Aber es gibt auch erhebliche Einschränkungen: Vor allem Nebenwirkungen und die hohen Kosten, die die Teilung der Welt in arm und reich verschärfen und bedingen, dass weltweit die überwiegende Mehrheit der HIV-Patienten bisher keinen Zugang zu einer effektiven Behandlung hat, mit massenhaft tödlichen Folgen. Als dritte Einschränkung ist die wissenschaftliche Vernachlässigung anderer Therapieansätze zu nennen. In ihr offenbart sich ein Strukturproblem der Medizin: Die (fast)-nur-noch-Erforschung von industriell profitablen Ansätzen.
Der Schädigungsmechanismus von HIV am Körper, und wie er zu mildern oder aufzuheben ist, gehört zu den bisher kaum verfolgten Ansätzen. Über welchen Mechanismus beispielsweise gehen CD4-Zellen verloren? Hinweise von Andrieu und Mitarb. 1995 und Beobachtungen bei eigenen Patienten machten uns darauf aufmerksam, dass Prednisolon einen CD4-stabilisierenden Einfluss hat. Für uns wurde durch die Benutzung einer Dosis von nur 5 bis 7,5mg / Tag ein neuer Ansatz daraus, weil mit dieser Dosis jahrelange Behandlungen ohne Steroidnebenwirkungen möglich sind.
Bisher wurden 46 therapienaive HIV-Patienten mit mindestens 300 (durchschnittlich 570) CD4-Zellen/µl 6 bis 128 Monate lang mit Prednisolon behandelt. Ihre CD4- und Viruslastverläufe wurden retrospektiv mit denen von 128 ebenfalls therapienaiven Patienten ohne Prednisolon verglichen (Mittl. CD4-Wert 608/µl). Unter Prednisolon zeigt sich ein mittlerer CD4-Anstieg um 4,6 Zellen/Monat, ohne Prednisolon ein Abfall um 3,9 Zellen/Monat. Die Unterschiede sind ab Monat 18 statistisch signifikant. (...). Ab Monat 23 betragen die Unterschiede mehr als 200 Zellen/µl. Der Patient mit der Prednisolonbehandlung von > 10,5 Jahren zeigt weder in der CD4-Entwicklung (aktuell 1290/µl, Ausgangswert 830/µl) noch klinisch eine HIV-Progression.
Aufgrund dieser Erfahrungen haben wir auch in HAART-Pausen Prednisolon eingesetzt. Bisher konnten wir 68 Patienten, die in den ersten 6 Pausen-Monaten Prednisolon eingenommen haben, mit 37 Patienten vergleichen, die kein Prednisolon eingenommen haben. Unter Prednisolon war der CD4-Abfall flacher (0,37 statt 0,76/die, p=0,0027). (...)
Mit insgesamt 130 dokumentierten Patienten, die mindestens 6 Monate lang Prednisolon ohne antiretrovirale Therapie eingenommen haben (...), können wir inzwischen von einer hohen Sicherheit der Erkenntnisse ausgehen. Durch niedrig dosierte Glukokortikoide scheint sowohl bei therapienaiven HIV-Patienten als auch während einer HAART-Pause eine deutliche Verlängerung der Zeit ohne antiretrovirale Therapie möglich, bis hin zur Aussicht für einige Patienten, möglicherweise nie eine antiretrovirale Therapie zu benötigen. (...)
Alle Auswertungen ergeben einen günstigen Einfluss des Prednisolons auf den CD4-Verlauf schon in niedriger Dosis (...). Demnach müssen dem HIV-bedingten CD4-Verlust, wie schon in vitro und in Tierversuchen beschrieben, entzündliche oder autoimmune Vorgänge zugrunde liegen. Dies wird weiter gestützt durch bisher vergleichsweise wenig beachtete Hinweise auf eine CD4-stabilisierende und HIV-inhibierende Wirkung der Acetylsalicylsäure (Kopp und Mitarb. 1994, Pereira und Mitarb. 2003) und auf positive Auswirkungen von Behandlungen mit Cyclosporin A (Rizzardi und Mitarb. 2002). Im Vergleich zu den massiven Bemühungen der letzten Jahre, das HI-Virus und seine direkte Bekämpfung zu erforschen, ist dieser antiinflammatorisch – anti-autoimmune Ansatz bisher relativ wenig beachtet worden. (...)
Bei weiterer Ausarbeitung durch klinische und grundlegende Studien könnte die niedrig dosierte Prednisolonbehandlung eine wichtige Ergänzung und teils Alternative zur HAART werden, was angesichts der Diskussionen um die Nebenwirkungen und Wirksamkeitsgrenzen der HAART eine hohe Bedeutung haben kann. Vor allem therapienaive Patienten mit noch guter CD4-Zahl können möglicherweise in größerer Zahl jahrelang vor einem CD4-Abfall bewahrt werden, der eine antiretrovirale Therapie nötig macht. Das legen die durchschnittlich leicht steigenden CD4-Zahlen in dieser Patientengruppe nahe.
Auch angesichts der sehr hohen Kosten antiretroviraler Therapie mit den fatalen Folgen für die meisten Länder mit hoher HIV-Prävalenz erscheint es dringend, die sehr preisgünstige Prednisolontherapie weiter zu erforschen. (...) Eine konsequente Behandlung mit einer 5mg-Prednisolon-Tablette könnte dann viel mehr HIV-Positive gesund halten und den Bedarf an antiretroviraler Therapie erheblich überschaubarer machen. Insofern ist eine weitere Erforschung dieses bisher so hoffnungsvoll erscheinenden Ansatzes auch ein dringendes humanitäres Gebot.
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